In meinen Bildern und plastischen Werken beschäftige ich mich mit dem Porträt. Dabei geht es mir nicht um fotografische Abbildungen, sondern eher um die Darstellung von vorsprachlichen Emotionen und Assoziationen.

Dabei kann alles zum Portrait werden: Kleider, Stoff, Menschen, Pflanzen und andere Lebewesen, die auch imaginär sein können.

Ich male mit Öl- oder Acrylfarben und Ölpastellkreiden. Für die plastischen Arbeiten verwende ich Gips, Holz und Stoff. Mich interessiert auch das Materialexperiment, daher male ich auch auf z.B. Baumwolle, Hanf, Holz und lichtdurchlässigen Materialien wie Gaze, Vinyl und Pauspapier.

Ich benutze eine Vielfalt von Farben und ich genieße die Kombination der Farben. In letzter Zeit habe ich darüber nachgedacht, warum ich das mache. Als Künstlerin beobachte ich Farben, Farbflächen und Muster in meinem Alltag. Das kann ein Kleidungsstück oder ein Möbel sein. Dann suche ich nach der Farbe auf der Palette, ich mische und experimentiere auf der Leinwand. Ich genieße die Farben, die sich erzeugen, die Kombination der Farben.

Und wie soll ich den Pinsel bewegen? Es gibt so viele Möglichkeiten, ob es ein Zickzack, ein starker und kräftiger Strich oder ein zarter Strich ist. Aber plötzlich bleibt mein Pinsel stehen, ich kann nicht mehr malen und muss nachdenken, den Gedanken freien Lauf lassen, bis ich weiterzeichnen kann. Manchmal bin ich frustriert, und mache dennoch weiter. Bis ich wieder aufgeregt bin. Das macht mit Freude. Wenn ich mich konzentriere, halte ich den Atem an. Ich halte die Luft an und beiße die Zähne zusammen. Ich bemerke dies und atme wieder aus und beruhige mich.

Meine Themen finde ich in meinem Alltag. Alles, was ich sehe und was mich berührt, kann mein Thema werden. Ich habe nie nach etwas gesucht, meine Motive haben sich immer ergeben. Ich habe das Gefühl, dass es auch eine Form der Forschung ist, nach draußen zu gehen und Notizen zu machen oder Dinge zu skizzieren, die mir auffallen. Vor kurzem habe ich einen Baum gefunden, bei dem alle Äste abgeschnitten waren, das hat mich inspiriert. Einmal war es ein Bild von einer Straße, von der – nach der großen Erdbeben in Japan – Trümmer weggeräumt wurden, das mich zum Arbeiten veranlasst hat.

Manchmal lese ich Bücher über Psychologie oder lese ich die Nachrichten oder höre einem/er Freund/in zu. Sinne, Gefühle und Erfahrungen können meinen künstlerischen Prozess inspirieren. In einer Serie von Bildern habe ich mich mit menschlichen Figuren beschäftigt, die sich in einer Ruhephase befinden, nachdem sie etwas erlebt haben, das ich ihr Leben verändert hat, wie z.B. Krankheit, Katastrophe, schlechte zwischenmenschliche Beziehung, Depression.

Ich mag auch Menschen, die verborgene Stärken haben. Ich meine nicht jemanden, der stark aussieht, positiv spricht oder voller Zuversicht ist, sondern jemanden, der durch harte Zeiten geht, und obwohl es schwer ist, positiv oder zuversichtlich zu sein, versucht er oder sie das zu überwinden und lebt. Ich stelle diese starke Mensch dar, der durch Schwierigkeiten geht und trotzdem stark lebt.

Als Künstlerin recherchiere ich, wenn ich arbeite. Für mich bedeutet das, Bücher zu lesen, Bilder und Videos anzuschauen, Erfahrungen zu hören, rauszugehen und Sachen anzufassen, die relevant sein können oder auch nicht. Dabei finde ich nach und nach Sachen, die ich mit meinem Thema in Verbindung bringen kann. Das Gleiche gilt für die Betrachtung der Arbeiten anderer Künstler_innen. Welche Techniken verwenden sie, welche Farbkombinationen nutzen sie, welche Formen haben sie?

Ich denke, dass in allem, was ich arbeite, etwas Japanisches enthalten ist, ich bin in Japan aufgewachsen. Die Landschaft, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit, menschliche Beziehungen, hier wurde mein ästhetischer Sinn geprägt. Später bin ich viel gereist, in dieser globalen Gesellschaft werde ich nicht nur von Japan, sondern auch von vielen fremden Kulturen beeinflusst. Diese Dialoge fließen auch in meine Arbeiten ein.

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text by Sarah Kollmann

Haruka Mogi ist eine Künstlerin, die sich zurzeit hauptsächlich der Malerei und der Bildhauerei widmet. Gerne arbeitet sie mit ausdrucksstarken Farben, vorrangig Öl-, Acrylfarbe und zunehmend Spray Paint.

Bei ihrer künstlerischen Auseinandersetzung ist jedoch nicht nur das Malmaterial, sondern vor allem auch der Untergrund wichtig. In der Serie „Positionen“ (2019/20) bestehend aus quadratischen kleineren Leinwänden hat sie beispielsweise verschiedenste Untergründe, wie Leinen, Vinyl, Papier, Gaze und Holz ausprobiert. Durchlässige Untergründe im Zusammenspiel mit Licht und Farbe benutzt sie, um in ihren Kunstwerke verschiedene Effekte, wie beispielsweise Plastizität zu erzeugen.

Auch die Farbwahl hat einen hohen Stellenwert, weshalb es ihr wichtig ist ihre eigenen Farben zu mischen. So befindet sich auf ihrer Farbpalette vor allem helle Pastellfarben — besonders gelb, weiß und pink, welche sie zum Erzeugen ihrer eigenen Farbtöne verwendet. Dabei ist das Mischen der Farben besonders als expressiver Ausdruck von Emotionen weniger als reine Darstellung zu verstehen.

Eine Herausforderung in der künstlerischen Auseinandersetzung ist für Mogi die Frage nach dem „fertigen Werk“. Denn vor allem das Malens ihrer Kunstwerke als Lernprozess ist wichtig. Somit spielt das endgültige Fertigstellen, falls es das gibt, keine Rolle, sondern essentiell ist der gelebte Moment des Arbeitens am Werk. Deshalb arbeitet sie an manchen Kunstwerken immer wieder. Dabei stellt sich allerdings die Herausforderung eine bessere Wahrnehmung für ihr eigenes Werk zu entwickeln, ihre Augen weiter zu trainieren.

Der Bildinhalt der Serie „Positionen“ sind menschliche Figuren meist in sich gewandt, das Gesicht abgewandt. Dabei soll die menschliche Figur als solche erkennbar bleiben. Allerdings wählt sie ganz bewusst unreale Farben, damit die Aufmerksamkeit der Betrachter:innen auf die Menschlichkeit der Figur gelenkt ist, statt auf die spezifische Hautfarbe und somit Herkunft der Figur. Dadurch wird bewusst ein diverses Menschenbild vermittelt. Durch die abstrakte Farbwahl, die abgewandte Haltung und die Gesichtslosigkeit sind die Figuren entpersonifiziert und ungeschlechtlich.

Das Thema der Serie ist die Kraftlosigkeit der Figuren. Mogi beschreibt es als Erholung und Pause. Als Betrachter:in bekommt man jedoch trotz der äußerlichen Unbeweglichkeit eher den Eindruck eines Nachbebens, eines Echos.

Die einzelnen Werke der Serie sind kompositorisch von den schräg durch das gesamten Kunstwerk verlaufende, liegende Körper bestimmt.

Im Prozess des Malens der Kunstwerke konzentriert sich Mogi vor allem auf die Bewegung: die Bewegung der Figur in der Fotografie, die als Vorlage dient, und ihrer eigenen Bewegung beim Malen. Somit ist auch die Linienführung und Darstellung der Figuren nicht realitätsgetreu, sondern abstrahiert, geführt von der Bewegung.

Beim Malen der „Positionen“, für die Selbstportraits als Vorlagen verwendet wurden, arbeitet Mogi in einer Form des dialogischen Prozesses zwischen den Fotografien, ihrem eigenen malenden Körper und dem Kunstwerk. Dabei ist ihr Körper das Medium zwischen Fotografie und Werk. Mogi leistet somit eine Form der Übersetzung und verarbeitet in dem entstehenden Kunstwerk sowohl die Innenperspektive des sich selber Fotografierens, die Außenperspektive, festgehalten durch die Fotografie, und den Prozess der Bewegung während des Malens des Kunstwerks.

Besonders einprägsam an den „Positionen“ war für mich die Synthese von äußerem und innerem Bild im Kunstwerk. Außerdem berührt es mich, wie Mogi es in „Positionen“ meistert eine emotional verwirrende, vielleicht kraftlose Situation nachsichtig, sensibel sogar freundlich zu thematisieren. Ihr gelingt in den kleinen Formaten eine ergreifende, starke Dichte sensibler Emotionen.